1 Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit setzten sich Andreas Köster und Jenni Hofmann im Rahmen des Masterstudiums Wirtschaftskommunikation an der HTW Berlin im Fach Unternehmenssoziologie mit dem Freundschaftskonzept aus Netzwerktheoretischer Perspektive auseinander. Als Arbeitsgrundlage dazu dient der Text „Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie: Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften“ von Christian Stegbauer.[1] Das Thema ist für die Wirtschaftskommunikation in mehrerer Hinsicht interessant und relevant. Zum einen schärft es die Sicht auf Unternehmen als natürliche und soziale Systeme im Sinne von „das tatsächliche Interaktionsgeschehen in Organisationen ins Blickfeld nehmend“.[2] Außerdem gewinnen in einer Umbruch reichen Zeit des Internets und der Sozialen Medien Social Networks auch für die Wirtschaftskommunikation an Bedeutung.[3] Hierbei geht es darum, weltumspannende Freundschaftsnetzwerke und deren Definition von Freundschaft zu verstehen und mit klassischen Theorien in Bezug setzen zu können. Drittens ist das Thema allgemein für den Umgang und Kritik mit theoretischen Konzepten interessant, da immer wieder Diskussionen und Kontroversen über das Thema Freundschaft entfachen. Es ist sinnvoll, verschiedene Erklärungs- und Definitionsansätze, sowie praktische Anwendungsbeispiele von Freundschaft zu kennen, um fundiert beispielsweise über deren Intensität, Gegenseitigkeit und Entwicklungsverläufe sprechen zu können.[4]

Screenshot der Applikation Social Graph, die das eigene Facebook Freundesnetzwerk grafisch darstellt
Zu Beginn stellt der Text ohne Anspruch auf Vollständigkeit sechs relevante theoretische Ansätze des Freundschaftskonzeptes und die Kritik an ihnen vor. Dabei wird die historisch gewachsene Erkenntnis deutlich, dass nur ein vielschichtiger und multidimensionaler Ansatz das komplexe Konstrukt Freundschaft hinreichend erklären kann. Anschließend werden zwei aktuelle Fallbeispiele aus dem Online Bereich dargestellt. Dies sind der Facebook Social Graph und der Google Social Graph, die beide auch anhand der theoretischen Ansätze diskutiert werden können.
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2 Theoretische Ansätze
2.1 Abstand/Distanz nach Leopold von Wiese (1924)
Nach dem deutschen Soziologen und Volkswirt Leopold Max Walther von Wiese und Kaiserswaldau stellt die Distanz den Mittelpunkt einer soziologischen Beziehungslehre dar. Die Distanz sei eine „nicht weiter ableitbare Grundkategorie“. Nach von Wieses Vorstellung sind Distanzverschiebungen die Grunderscheinung aus denen letztlich das soziale Leben besteht. Demnach ließen sich sämtliche Beziehungen zwischen Menschen alleine mit mehr oder weniger Abstand beschreiben. „Distanz bedeutet den Grad von Ferne oder Nähe im sozialen Raume.“ [5]
Abbildung 1: Schematische Darstellung des Distanzansatzes nach von Wiese. Eigene Darstellung.
Es liegt die Kritik nahe, dass ein einzelnes Kriterium alleine eine extreme Vereinfachung des komplexen Sachverhaltes Freundschaft darstellt. Zudem lassen sich asymmetrische Beziehungen auf diese Weise nicht abbilden. Beispielsweise fühlt sich Person A möglicherweise der Person B viel mehr verbunden als anders herum. Beide Parteien haben in diesem Modell jedoch stets den selben Abstand und damit die gleiche Beziehungsintensität zueinander.
2.2 Weak and strong Ties nach Mark Granovetter (1973)
Der bekannte zeitgenössische US-amerikanische Soziologe Mark Granovetter erklärt soziologische Netzwerke mit der Beziehungsintensität. Danach gibt es fehlende, schwache und starke Verbindungen (ties) zwischen Personen. Er erklärt die daran beteiligten Faktoren Zeitaufwand, Intimität, emotionale Intensität und Reziprozität als gegeneinander austauschbar. Das wichtigste Kriterium sei die Häufigkeit der Interaktion zwischen Personen.
„The strength of a tie is a (probably linear) combination of the amount of time, the emotional intensity, the intimacy, and the reciprocal services which characterize the tie. Each of these is somewhat independent of the other, though the set in obviously highly intracorrelated.“[6]
Abbildung 2: Schematische Darstellung des Ties-Ansatzes nach Granovetter. Eigene Darstellung.
Auch hier bezieht sich die Kritik auf die Unmöglichkeit einer asymmetrischen Beziehung, beispielsweise zwischen Personen, die sich regelmäßig sehen, deren Bindung jedoch unterschiedlich stark empfunden wird. Wenn man Granovetter streng auslegt, würde seine Theorie bedeuten, dass ein Arbeitskollege, mit dem man viel Zeit verbringt, automatisch ein sehr guter Freund ist. Nach seinem Ausscheiden aus dem Betrieb ist die Beziehung nicht nachhaltig und damit wiederum automatisch vorbei. Auch diesem Ansatz wird eine zu starke Vereinfachung vorgeworfen.
2.3 Ähnliche Beziehungsattribute nach Lazarsfeld und Merton (1954)
Die amerikanischen Soziologen Paul Felix Lazarsfeld und Robert King Merton entwickelten ein Beziehungsmodell mit einer ganz anderen Herangehensweise. Sie gehen bei engen Freundschaften von einer „Werte und Statushomophilie“ aus. Das Heißt, dass sich Personen mit vielen Gemeinsamkeiten besonders gut verstehen und entsprechend starke Bindungen eingehen. Als typisch sehen Lazarsfeld/Merton beispielsweise ähnliche Ansichten und Herkunft sowie Gleichgeschlechtlichkeit und Gleichaltrigkeit an. Diese Umstände stellen zwar keine Ausschlusskriterien dar, jedoch können durch diese Kriterien Prognosen über eine Beziehungsentwicklung angestellt werden.[7]
Kritisch muss bei diesem Ansatz abermals die grobe Vereinfachung angesehen werden. Zudem berücksichtigt er keinerlei Umweltfaktoren und die postulierte Prognose von Beziehungsentwicklungen ist ebenfalls zweifelhaft.
2.4 Egozentrierte Netzwerkuntersuchungen nach Claude Fischer (1982)
Der amerikanische Soziologe Claude Serge Fischer versucht, soziale Interaktionen und Netzstrukturen über Massenbefragungen möglichst umfassend zu erheben.[8] Er versucht, die Beziehung zunächst empirisch objektiv zu erfassen und gleicht anschließend die Ergebnisse mit der subjektiven Einschätzung der befragten Personen ab. Von den über objektive Fragen als Freunde identifizierten Personen wurden 69 Prozent im Nachhinein ebenfalls als Freund bezeichnet. Man kann demnach von einem starken statistischen Zusammenhang zwischen Erhebung und subjektiver Empfindung ausgehen. Besonders schwerwiegend für die übereinstimmende Einstufung als Freund waren dabei die Antwortmöglichkeiten „Gemeinsame Aktivitäten“ und über „Hobbys sprechen“. Wenig relevant für die Beziehung dagegen war der Umstand einmal Geld geliehen zu haben.[9]
Fischers Erkenntnisse mögen ein adäquater Untersuchungsansatz sein, jedoch bieten sie keinen umfassenden Erklärungsansatz. Unklar bleiben bei dieser Art der Messung unter anderem die Arten und Ausprägungen von Beziehungen.
2.5 Unterschiede zwischen „engen“ Beziehungen nach Christian Stegbauer (2008)
Der deutsche Soziologe und Autor Christian Stegbauer sieht eine Beschreibung von Beziehungen, wie oben beschrieben ausschließlich über Distanz oder Stärke, als unzureichend an. Er spricht sich für eine grundsätzliche Differenzierung in unterschiedliche Formen und für die Mehrdimensionalität von Beziehungsdefinitionen aus. Dabei unterscheidet er Arten von engen Beziehungen nach Freundschaft, Partnerschaft/Ehe und generationenübergreifende Beziehungen sowie nach Rollen, die Personen in Beziehungen einnehmen. Nach Stegbauer kann eine Person mehrere Rollen in unterschiedlichen Beziehungen gleichzeitig ausfüllen.[10] Die unten stehende Tabelle veranschaulicht die Ausprägungsstärke der Dimensionen in den drei genannten Beziehungsarten.
Abbildung 3: Unterschiede zwischen „engen“ Beziehungen nach Christian Stegbauer. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Stegbauer (2008), S. 112.
3 Exkurs: „The Strength of Weak Ties“ von Mark Granovetter
In diesem Kapitel wird die Theorie „The Strength of Weak Ties“ von Mark Granovetter genauer untersucht. Dies ist legitim, als diese Theorie die Netzwerkforschung grundlegend erneuert hat und die Veröffentlichung eine Reihe anderer Studien und Theorien nach sich gezogen hat. Die einleitenden Worte aus Kapitel 2.2 werden hier als vertieft und einen größeren Kontext gestellt.
Granovetter veröffentlichte seine Studie im Jahre 1973. In dieser Zeit ist er Dozent an der Harvard University und er seit kurzem promoviert. Die Hauptthese der Theorie ist, dass sich soziale Beziehungen zwischen Akteuren nach vier Dimensionen messen lassen. Diese Dimensionen sind die aufgewendete Zeit, die emotionale Intensität, die Intimität und die Reziprozität. Diese vier Dimensionen sind zwar unabhängig voneinander betrachtet worden, sind jedoch untereinander stark verflochten. Mit diesen vier Dimensionen ist es laut Granovetter intuitiv möglich, eine Beziehung als stark, schwach oder abwesend einzustufen. Das ist eine der Stärken seiner Theorie, sie ist leicht verständlich und intuitiv anwendbar. Bevor er seine These jedoch einer Anwendung und Prüfung unterzieht, macht er eine methodische Einschränkung. Granovetter beschränkt seine Untersuchung auf positive und symmetrische Beziehungen, er ist sich also bewusst, seine Aussagen nur auf einen kleinen Ausschnitt der sozialen Beziehungen anwenden zu können. Das ist ihm später auch in der Kritik vorgeworfen worden.
3.1 Starke und schwache Verbindungen
Granovetter führt für die beiden Arten von Verbindungen mehrere Beispiele an. Eine schwache Beziehung ist für ihn eine, die von geringem Zeitaufwand, geringer emotionaler Intensität, geringer Intimität oder geringer Reziprozität geprägt sind. Schon an dieser Stelle wird seine Einschränkung auf symmetrische Beziehungen problematisch. Geringe Reziprozität deutet auf eine Asymmetrie in der Beziehung hin, ebenso ist es sehr unwahrscheinlich, dass beide Akteure den gleichen Grad von emotionaler Intensität für ihre Beziehung teilen. Es darf also nicht vergessen werden, dass es sich um eine explorative Studie bzw. Theorie handelt, die zur Zeit ihrer Veröffentlichung noch nicht empirisch belegt war. Sicher war sich Granovetter über die Schwierigkeit einer empirischen Überprüfung seiner Thesen durchaus im Klaren. Ein Jahr nach der Theorie legte er eine Studie vor, die seine Thesen untermauern sollte.[11]
Die starken Verbindungen lassen sich nach Granovetter sehr leicht identifizieren. Es handelt sich um Beziehungen, die alle vier Dimensionen in hohem Maße erfüllen. Im Grunde reicht es aus, dass eine der Kategorien erfüllt ist, sie sind stark miteinander verflochten und deshalb dauert es nach Granovetter auch nicht lange, bis sich eine starke Intensität bei den anderen Dimensionen einstellt. Granovetter gibt als Beispiele für starke Beziehung vor allem Familienbanden an. Die Problematik dieser Einordnung hat nicht zuletzt Christian Stegbauer erkannt, wie im Kapitel 2.5 gezeigt wurde. Es sei aber auch hier unter dem Aspekt der Nachvollziehbarkeit und der Intuitivität der Theorie gestattet, diese Verkürzung und Verallgemeinerung der Realität nicht weiter zu beachten. Um die Effekte starker Beziehungen zu verdeutlichen, bezieht Granovetter auch eine zeitliche Komponente in seine Betrachtungen ein. Er sagt, dass sich Akteure, die eine starke Beziehung haben, mit der Zeit immer ähnlicher werden, die starke Verbindung also immer fester wird. Störungen und Interferenzen können der Beziehung immer weniger anhaben und die Kommunikation zwischen den beiden Akteuren weniger leicht aus dem Gleichgewicht bringen.
Er führt für eine Beziehung zwischen drei Personen das Bild der „Verbotenen [12]Triade“ ein.
Abbildung 4: Die verbotene Triade
Das bedeutet, dass sich zwei Akteure, die eine starke Beziehung zu ein- und derselben Person haben, zwangsläufig irgendwann kennen lernen müssen und auch eine starke Beziehung entwickeln müssen. Eine Gruppe besteht kann wie im Beispiel aus drei Akteuren bestehen, in der Regel sind aber soziale Gefüge etwas größer. Die Problematik einer Gruppe, in der es nur solche Beziehungen gibt, eröffnet sich, wenn man ein weiteres Mal den zeitlichen Rahmen in Betracht zieht. Eine Gruppe, die sehr homogen ist, versperrt sich mit der Zeit immer mehr die Möglichkeit, sich äußeren Einflüssen zu öffnen. Dadurch kann sich die Gruppe nicht erneuern und auch Ideen aus der Gruppe gelangen nur schwer in die Umwelt.
Hier führt Granovetter die Wichtigkeit der schwachen Verbindungen ein. Diese so genannten Brücken führen nämlich von der Gruppe weg zu anderen Gruppen. Über diese schwachen Verbindungen, gelangen Informationen in andere Gruppen und werden auch schneller Verbreitet als wenn sie nur über starke Verbindungen verbreitet würden. Das liegt zum Beispiel daran, dass es bei jedem Kommunikationsprozess Störgrößen gibt, die die (exakte) Weitergabe einer Information verhindern oder erschweren können. Außerdem gibt es laut Harary eine maximal machbare soziale Distanz, die eine Information überwinden kann.[13]
Abbildung 5: Eine Brücke 13. Grades in Anlehnung an Granovetter (1973), S. 1365.
In der Abbildung ist der Weg dargestellt, den eine Information nehmen müsste, um von A nach B zu gelangen, würde sie nur über starke Verbindungen übertragen werden. Die Verbindung zwischen A und B ist eine schwache Verbindung, die exakt diesen Weg ersetzt. Ohne diese Brücke würde die Information wahrscheinlich gar nicht bei B ankommen, denn sie müsste dreizehn Stationen passieren. Die Gefahr, von einer Störgröße an der Weitergabe gehindert zu werden, liegt bei nahezu 100%. An diesem Beispiel zeigt Granovetter die Bedeutung der schwachen Verbindungen für die stete Erneuerung einer Gruppe und ihrer Ideen bzw. Themen oder Gedanken.
3.2 Getting a Job
Wie bereits erwähnt, legte Granovetter ein Jahr nach dem Erscheinen seiner Theorie der starken und schwachen Beziehungen eine Nachfolgestudie vor, die seine Thesen untermauerte. In der Studie „Getting a Job“ befragte er etwa 300 Personen in Boston über die Art und Weise, wie sie ihren derzeitigen Job bekommen haben. Der Fokus lag bei der Befragung auf den Kanälen, die zur Informationsbeschaffung benutzt wurden. Dazu stellte er zwei Thesen an den Anfang:
- Personen, die mit dem Suchenden in einem engen Verhältnis stehen (strong tie), werden sehr motiviert sein, ihn bei der Jobsuche zu unterstützen.
- Personen, die mit dem Suchenden in einer schwachen Beziehung stehen (weak tie), werden eher Zugang zu arbeitsmarktrelevanten Informationen für den Suchenden haben.
Die Ergebnisse bestätigten Granovetters Thesen im Großen und Ganzen. Mehr als 60% der Befragten gaben an, ihren derzeitigen Job über Beziehungen bekommen zu haben. Diese Beziehungen waren zu 17% sehr enge Beziehungen mit einer Kontakthäufigkeit von mindestens zweimal in der Woche. Zu 56% bestanden diese Kontakte aus Beziehungen, die relativ lose waren. Definiert wurden diese Beziehungen mit einer Kontakthäufigkeit von mehrmals im Jahr aber weniger als zweimal wöchentlich. Der Rest der Fälle, also 27% bildeten sehr lose Kontakte mit einer Kontakthäufigkeit von einem Mal im Jahr oder seltener. Es überwog das Strukturargument: Personen, zu denen man schwache Bindungen hat, liefern bei der Jobsuche die wertvolleren Informationen. Ein Nebenergebnis der Studie war die Tatsache, dass die Unzufriedenheit der Befragten mit ihrem aktuellen Job umso größer war, je länger der Pfad der Kommunikation war. Damit bestätigt sich die Theorie, dass Informationen nur über eine gewisse soziale Distanz gelangen können, ohne von Störgrößen verändert oder verfälscht zu werden. Die Unzufriedenheit könnte daher rühren, dass durch den längeren Kommunikationskanal Informationen über den Job, zum Beispiel bezüglich des Gehalts, falsch weitergegeben wurden. Granovetter stellt heraus, dass es vor allem das Gehalt war, das die häufigste Quelle für Unzufriedenheit darstellte.
Granovetters Untersuchungen wurden in den Folgejahren immer wieder von Forschergruppen nachvollzogen und in den meisten Fällen bestätigt.[14] Schwache Verbindungen sind bei der Jobsuche viel mehr wert als starke Verbindungen.
3.3 Kritik an Granovetter
Natürlich gibt es keine Theorie, die nicht diskutiert würde. Im Gegenteil: gäbe es eine, wäre sie wahrscheinlich uninteressant oder schlichtweg falsch. Auch Granovetter wurde von vielen Seiten kritisiert, natürlich auch gelobt. An dieser Stelle soll nur auf ausgewählte Kritik an seinem Modell eingegangen werden.
Der erste Kritikpunkt bezieht sich auf die Einordnung aller Familienbeziehungen als starke Beziehungen. Diese Vereinfachung ist mit einfacher Intuition, auf die Granovetter ja großen Wert legt, als unzulässig zu erkennen. Es gibt natürlich auch Familienbeziehungen, die nicht existent sind oder schwach. Stegbauer (2008) hat gezeigt, wie viele unterschiedliche Facetten enge Beziehungen haben können.
Ein weiterer Kritikpunkt an Granovetters Theorie ist eine Schwäche, derer er sich selbst bewusst ist bzw. die er selbst erzeugt hat. Indem er annimmt, dass alle Beziehungen, egal ob stark oder schwach, homogen sind, schließt er von Anfang an einen Großteil aller Beziehungen aus seinen Betrachtungen aus. Denn sehr viele Beziehungen sind durch Asymmetrien gekennzeichnet. Diese können durch künstlich erzeugte Hierarchien entstehen, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Sie können aber auch durch eine verschieden große Intensität gekennzeichnet sein, um in den Dimensionen von Granovetter selbst zu bleiben. Dieser Kritikpunkt ist nicht besonders stark, denn er nimmt diese Kritik im Grunde schon vorweg indem er diese Reduktion macht. Seine Begründung der Komplexitätsreduktion ist für den Umfang der explorativen These durchaus nachvollziehbar.
Der letzte Kritikpunkt, der hier angesprochen werden soll, bezieht sich auf den Nutzen sozialer Beziehungen. Vor allem in der Studie „Getting a Job“ wird der Nutzen einer sozialen Beziehung auf den Informationsgehalt reduziert, den diese Beziehung erzeugen kann. Nicht beachtet wird, dass „soziale Beziehungen bei der Arbeitssuche auch aufgrund anderer Unterstützungsleistungen“[15] von Nutzen sein können. Das können Ermutigung, Abbau von sozialem Druck oder generelle Unterstützung bei der Bewältigung eines Jobwechsels sein.
4 Rollentheorie nach Harrison White (1976)
Beziehungen besitzen eine Typizität, die durch Distanz oder Stärke nur unzureichend zu beschreiben ist.
Zur Lösung dieser unzureichenden Beschreibung wurde Georg Simmels Betrachtung und Trennung von Form und Inhalt herangezogen. Simmel unterteilt jede Wechselwirkung zwischen mehreren Akteuren in Form und Inhalt. Durch unterschiedliche Inhalte entstehen verschiedene Formen der Vergesellschaftung. Die “Formen der Vergesellschaftung” sind der Gegenstand der Soziologie. Die Form kann hierbei zum Beispiel eine Über- oder Unterordnung, ein Konflikt oder ein Geheimnis sein und Inhalte können zum Beispiel Interessen, Zwecke, Neigungen, Liebe oder auch der psychische Zustand darstellen.
Ohne Formen lassen sich Inhalte nicht realisieren, und ohne Inhalte können Formen nicht überdauern. Zum einen kann ein und dieselbe Form (zum Beispiel Konkurrenz) unterschiedliche Inhalte (zum Beispiel Eifersucht und akademisches Leistungsstreben) sozial realisieren. Zum anderen kann ein und derselbe Inhalt (Liebe) in unterschiedlichen Formen (Ehe, Partnerschaft, Prostitution) verwirklicht werden.
In Simmels Betrachtung findet sich eine Beziehung zwischen dem Handlungszweck und der Form zum Zeitpunkt der Entstehung der Form und er geht davon aus, dass Formen nach Ihrer Etablierung für lange Zeit stabil bleiben.[16]
Simmels Formen entsprechen dem sozialen Rollenhandeln. Konzepte, welche Position und Rollenhandeln einbeziehen, drücken die Mehrdimensionalität von Beziehungen aus, da sie umfassende Handlungsnormen beinhalten. Hierzu konstruierte Siegfried Nadel (1957) ein Rollensystem, welches aus den Überlegungen von Position und Rolle entstand.[17] Im Gegensatz zu Ralph Linton der eine Einteilung in Rolle und Status (Position) vornahm, thematisierte Nadel auch die Interrollenbezüge – also die voneinander gegenseitig abhängigen Rollen.
Harrison White kritisierte 1976 die Rollentheorie. Nadel versuchte mit seinem Modell alle möglichen Beziehungen in ein Positionsschema einzubeziehen und vorzudefinieren, wodurch aber keine Spielräume übrig bleiben. Die Komplexität der Beziehungsanforderungen steigt jedoch immer weiter an und eine immer stärkere Flexibilität ist erforderlich. Es muss ein erhöhtes Aufkommen von Rollenkonflikten erwartet werden, da unterschiedliche Verhaltensanforderungen unter einen Hut gebracht werden müssten.[18]
Weiterhin kritisierte White, dass Rollen statisch sind und dem beständigen Eingehen neuer Beziehungen und Lösen alter Beziehungen nicht gerecht werden würden. Die Rollentheorie kann lediglich die äußere Hülle beschreiben, welche dann von den Akteuren gefüllt werden muss.[19]
Ferner wurde der Begriff Form von Nadel mit einer negativen Betrachtung bestimmt, da er die Sozialität von ihren Schwellen und Grenzen her untersuchte.[20]
Harrison White knüpft an diesem Punkt an und versucht die Lücken zu füllen. Er wendet ein, dass die moderne Gesellschaft mit so vielfältigen Anforderungen konfrontiert wird, dass Vorgaben wie Normen, Konventionen und auch einer groben Begrenzung durch Positionen (Rollen), kaum noch verlässliche Verhaltensgrundsätze sein können. Das Handeln der Akteure ist gekennzeichnet durch ein Streben nach Halt im Unvorhersehbarem, welchem die Menschen ausgesetzt sind.[21]
Mit „Control“ bezeichnet White die Anstrengungen der Akteure, um Unsicherheiten (uncertainities) und Unwägbarkeiten (contingencies) zu reduzieren. Er sieht dies als eine Art Tie-Management an, die er in Bezug auf „Control“ in verschiedene Strategien unterscheidet:
- „Interpretative ambiquity“ – bestimmte Beziehungsaspekte werden offen gelassen. Zum Beispiel wird eine Abneigung nicht offen gezeigt, damit die Beziehung weiterhin flexibel interpretiert werden kann.
- „Social ambage“ – indirekte Beeinflussung Anderer.
Zum Beispiel durch die Frage: Kannst du nicht mal mit XY darüber reden?
„Decoupling“ – Befreiung von Bindungen.
Ermöglicht die Trennung von zusammengehörigen Handlungsketten, um einen Neubeginn der Entwicklung der sozialen Bezüge zu ermöglichen. [22]
4.1 Multidimensionalität, Dynamik und Gewichtung
Harrison White stellt fest, dass in Definitionen von Beziehungen die Multidimensionalität und Dynamik von Beziehungen mit einbezogen werden muss. Eine Betrachtung der Beziehungen allein auf der Dimension Stärken- oder Distanzmessung ist nicht ausreichend.
Weiterhin behauptet White, dass es Unterschiede zwischen gleichermaßen als „stark“ anzusehenden Beziehungen gibt und dass zwischen den gleichen Personen unterschiedliche Arten von Bezügen (ties) feststellbar sind. Die unterschiedlichen Facetten die Beziehungen aufweisen, können im Beziehungsprozess unterschiedlich gewichtet werden. Durch eine Gewichtung wird es möglich, ein und dieselbe Beziehungskonstellation in einem Moment so und in einem anderen Moment ganz anders deuten zu können. Unterschiedliche Ties konkurrieren somit miteinander.[23]
Ein Beispiel aus einer Beziehung:
In der 1. Dimension besteht eine erotische Anziehung zwischen den Partnern. In der 2. Dimension steht die Organisation des täglichen Lebens im Vordergrund. Hinzu kommt nun ein Konfliktstoff – in diesem Beispiel, herumliegende Socken. Je nach dem wie sich der Konfliktstoff entwickelt, kann beides unterschiedlich gewichtet sein und eine potentielle Ressource in der Auseinandersetzung darstellen.
Ties, also Verbindungen, besitzen ein erhebliches Spektrum. Abhängig von dem was ausgetauscht wird, können darunter positive und negative Beziehungen, Wettbewerb, Konflikt, Solidarität etc. verstanden werden. In der Regel sind sie mehrdimensional, dynamisch und flexibel und werden in Interaktionen ausgehandelt. Ties neigen aber auch dazu, sich zu verketten und mehrere Akteure einzubeziehen.[24] Eigentlich sind sie immer in einem weiteren sozialen Umkreis eingebettet. Mit den ausgehandelten Beziehungsdimensionen entstehen auch gegenseitige Erwartungen, etwa Unterordnung, Kooperation und Wettbewerb.
Die kleinste Handlungseinheit ist ein soziales Aggregat – eine Ansammlung von Menschen ohne differenzierte Gruppengliederung, wie zum Beispiel eine Partnerschaft oder eine Gruppe von Personen. Die von White als „dicipline“ bezeichnete Gruppe besitzt eine eigene Identität mit einer eigenen Handlungslogik und ist in eine Umwelt, mit der sie sich auseinanderzusetzen hat, eingebunden.[25]
Um verschiedene Facetten von Beziehungen untersuchen zu können, entwickelte White ein Verfahren zur positionalen Analyse – die Blockmodellanalyse.
4.2 Blockmodellanalyse nach Harrison White (1992)
Das Verfahren der Blockmodellanalyse gehört zu den Strategien zur Netzwerkanalyse, innerhalb derer man Gesamtnetzwerke untersucht. Akteure können in Gruppen zusammengefasst werden die untereinander eine enge Beziehung unterhalten (Cliquenkonzept) oder die ähnliche Außenbeziehungen zu allen anderen Akteuren im Netzwerk halten.[26]
Zweiteres ist die zentrale Idee der Blockmodellanalyse. Hier werden Akteure auf ihre Vernetzungen hin betrachtet und ob sie aufgrund dieser Muster, mit anderen vergleichbare Positionen im Netzwerk einnehmen. Alle Akteure die dieselbe Position einnehmen sind genau dann strukturell äquivalent, wenn sie identische Beziehungen zu identischen anderen haben. Dies ergibt für die Beteiligten eine Reduktion von Komplexität. Es wird auf die Mehrdimensionalität von Beziehungen hingewiesen – unterschiedliche types of ties können simultan analysiert werden. Nicht nur vorhandene, auch nicht-vorhandene Beziehungen werden einbezogen. Nicht vorhandene Beziehungen stellen einen Hinweis auf das Verhältnis zwischen den Positionen dar, weil in Nichtbeziehungen häufig „als individuelle Abneigung getarnte“ Beziehungsnormen erscheinen.[27]
Die strukturell äquivalenten Akteure werden in diesem Verfahren gemeinsam zu Positionen gruppiert, ohne dass sie direkt miteinander verbunden sein müssen. Das Beziehungsmuster zwischen diesen Positionen steht nun im Untersuchungsfokus. Diese Gruppierung (Clusterung) der strukturell äquivalenten Netzwerkpositionen der Akteure sind die so genannten Blöcke. Die Blockmodellanalyse hat zum Ziel den Wert der Beziehungen zwischen den Blöcken zu ermitteln und die Komplexität eines Netzwerkes zu reduzieren.[28] [29]
Abbildung 6: Strukturelle äquivalente Gruppe. Eigene Darstellung.
Es ist davon auszugehen, dass der Direktor 1 an Schule X, die gleiche Beziehung zu den Positionen Eltern, Schüler, Lehrer und Schulrat hat wie der Direktor 2 an Schule Y und Direktor 3 an Schule Z. Jedoch sind die Personen zu denen die Beziehung unterhalten wird nicht die identisch. Dennoch sind sie strukturell äquivalent.[30] Die Direktoren befinden sich in der gleichen Position, die bezüglich einer gewählten Äquivalenzdefinition ähnlich ist und deshalb (in diesem Analyseverfahren) zusammen gruppiert werden können. Würde man die Ziffer der Direktoren weglassen, kann man nicht mehr bestimmen, wer wer ist. Ein erstes Resultat der Blockmodellanalyse ist also die Identifizierung und Interpretation der Blöcke, um anschließend die Beziehungsstruktur zwischen den Blöcken zu analysieren und somit die Gesamtstruktur des Netzwerks als Beziehungssystem zwischen Blöcken zu beschreiben.
Die Blockmodellanalyse ermöglichte also die Betrachtung von Netzwerken auf einem höheren Abstraktionsniveau, nämlich in Bezug auf Positionen und Rollensets.
White unterscheidet grundsätzlich in Position (Stellung in der Gesellschaft, Organisation oder Gruppe) und Rolle (Handlung die zur Position gehören). Durch Geschichten, die über Personen erzählt wird, erfahren die Akteure wer welche Position diese bekleiden und wie die ausgehandelten Beziehungsdimensionen sich den anderen darstellen. Eine Story ist nach White eine Beschreibung, wie ein Tie von einem Akteur wahrgenommen wird.[31]
Im oben aufgeführtem Beispiel kann die hierarchische Position, durch die Vernetzung der zentralen Akteure (Direktoren), identifiziert werden. Der Schulrat, die Eltern usw. kommunizieren kaum untereinander, nur in Richtung der Direktoren. In einem Unternehmen könnte dies zur Folge haben, dass sich dadurch eine Machtposition bildet, in der die Untergegebenen sich gegeneinander ausspielen können.
Durch die Reduktion der Komplexität konnte sich die Blockmodellanalyse zu einem vielseitig verwendetem und hilfreichen Instrument für die Analyse sozialer Netzwerke etablieren. Durch sie wurde es möglich die Struktur komplexer sozialer Netzwerke, wie zum Beispiel Freundschafts-, Unternehmens-, Politiknetzwerke, sichtbar zu machen.
4.3 Problematik und Kritik
Die bedeutendste Problematik an der Blockmodellanalyse ist das Kriterium der strukturellen Äquivalenz. Kritiker weisen hier auf das Problem der Messfehler und Ungenauigkeiten sowie der wechselseitigen Determination von Rollen und Positionen hin, da bei der Analyse der strukturellen Äquivalenz Schwerpunkte gesetzt werden. Entweder steht die Identifizierung strukturell äquivalenter Positionen im Vordergrund oder aber die Identifizierung von Rollenmustern. Dieser Problematik kann aus dem Wege gegangen werden, wenn das Kriterium strukturelle Äquivalenz zu struktureller Ähnlichkeit abgeschwächt wird.[32]
Eine weitere Problematik ist die Lebendigkeit von Netzwerken. Beziehungen sind einer ständigen Veränderung ausgesetzt. Ständig lernen wir neue Leute kennen, knüpfen neue Beziehungen und passen unser Netzwerk der aktuellen Lebenssituation an.
5 Aushandlung und Variabilität des Freundschaftskonzepts
Den Beziehungsdimensionen werden trotz des dynamischen Umfeldes Grenzen gesetzt, da gar nicht genügend Zeit zur Verfügung steht um alle Beziehungsaspekte auszuhandeln. Die Komplexitätsreduktion wird daher durch Konventionen abgesichert und macht es für Abmachungen nur sehr schwer zugänglich.[33]
Freundschaften sind abhängig von der Beurteilung durch „Dritte“. Das bedeutet, dass die Ausgestaltung von Beziehungen begrenzt ist, zum Beispiel wenn Liebesbeziehungen Geheim gehalten werden müssen, weil eine Aufdeckung einen gesellschaftlichen Skandal hervorrufen würde oder andere Beziehungen etwa die zum Ehegatten oder der Ehefrau gefährden würden. [34]
Beziehungen sind zudem „transitiv“ und stehen häufig für eine Übertragung von Beziehungsattributen über jemanden anderes. Ein Beispiel hierfür ist es, wenn man sich im Kreis von Freunden ohne Übergang duzt, selbst wenn man sich nicht vom selben Ursprung her kennt. Wenn sich also, die bis dahin miteinander unbekannten Mr. B und Mr. C sich auf einer Party von Mr. A treffen, werden sie sich von Anfang an duzen. Transitivität kann auch bedeuten, dass Beziehungsattribute formalisiert über eine Mitgliedschaft übertragen werden, etwa wie bei bestimmten Religionsgemeinschaften.[35]
Es liegen nur sehr wenige inhaltliche Beschränkungen von Freundschaften vor, jedoch kann hier eine Begrenzung für die Zahl der Freunde angegeben werden. Aufgrund kognitiver und zeitlicher Beschränkungen kann man nicht zu einer unbegrenzten Anzahl an Personen gleichermaßen enge Beziehungen unterhalten. Jedoch steigt mit der Zahl der Freundschaften, gleichzeitig auch die Gelegenheit über die oben beschriebene Transitivität neue Beziehungen einzugehen.
Betrachtet man Beziehungen zeigt sich, dass Veränderungen sehr lange dauern und zudem eine Tendenz zu einem strukturellen Konservativismus zeigen. Dies wird auch als „Methusalem-Prinzip“ bezeichnet. Das heißt, je älter Verhaltensweisen im Zusammenleben sind, umso langfristig stabiler und möglicherweise auch durchsetzungsfähiger sind diese.[36] Demnach könnte man interpretieren, dass neue Arten im Zusammenleben, wie zum Beispiel virtuelle Gemeinschaften im Internet, als fragwürdig einzustufen sind.
Neue Formen der Freundschaft werden zwar immer wieder ausprobiert, jedoch haben bestehende Formen der Freundschaft den Vorsprung, schon vorhanden zu sein. Die „alten“ Freundschaften haben sich zum einen bereits bewährt und sind dazu bei anderen bereits bekannt – was bedeutet, dass ein Einverständnis selten eingeholt werden muss. Hinzu kommt, dass alten Formen von Freundschaften zudem rechtlich abgesichert oder als besonders schützenswert gelten.[37]
Wissenschaftler betrachten einerseits skeptisch die Berichterstattung über neue Formen von Freundschaften und finden gleichzeitig empirisch immer wieder alternative Formen und Trends im Zusammenleben.
Die gegenseitige Absicherung ist nicht durch Erwartungs-Erwartungen und auch kaum durch die strukturellen Begrenzungen hintergehbar. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Möglichkeiten bestehen mit denen man längerfristige Wandlungen und Unterschiede in den Formen erklären kann.[38]
Am Überzeugendsten sind hierbei die exogenen Faktoren, die man mit dem Wandel von Beziehungen in Verbindung bringen kann. Zum Beispiel, dass gesteigerte örtliche Mobilitätsanforderungen zu einer stärkeren Öffnung gegenüber anderen führen. Einwanderungsgesellschaften müssen insgesamt offener sein, denn die Immigranten suchen Bindungen und nach sozialer Integration. Sie sind häufig offen für neue Bindungen.[39]
Vielleicht ist hierbei nicht der Wandel, sondern der Ausbruch aus den Konventionen entscheidend.
Zum Beispiel unerlaubte Beziehungen, wie eine Affäre neben der Ehe, knüpfen nicht an Konventionen an. Sie besitzen daher einen erhöhten Aushandlungsbedarf und es muss ein Beziehungsarrangement zwischen den Partnern getroffen werden. Da die Treffen herausgelöst aus dem sozialen Zusammenhang stattfinden, müssen die Partner zudem ein Freiraum schaffen, um sich unbemerkt treffen zu können. Da die Treffen im traditionellen Umfeld nicht toleriert werden bzw. die traditionelle Beziehungskonfiguration stören würden, findet die Beziehung also an Orten statt, wo die Partner nicht sozial integriert sind (wie Zum Beispiel im Hotel, Auto usw.).[40]
Ein zweites Beispiel für den Ausbruch aus den Konventionen stellt die Variabilität (Veränderlichsein) der Inhalte von Freundschaften dar. Die Inhalte von Freundschaften können leichter verändert werden, umso weniger Personen einbezogen werden müssen. Jedoch findet man in ähnlichen Positionen gleichartige Verhaltensweisen. Daher ist anzunehmen dass ein Übertragungslernen stattfindet. Ist der Austausch über einen bestimmten Inhalt erst einmal etabliert, nehmen die Personen des Umfeldes dieses ebenfalls wahr.[41]
Die Veränderbarkeit von Freundschaftsinhalten ist ein Ergebnis der Aushandlungen. Aushandlungen sind umso einfacher und flexibler, umso weniger Personen mit einbezogen werden. Dennoch fällt auf, dass bei Personen mit ähnlichen Positionen, gleichartige Verhaltensweisen zu finden sind. Es wird angenommen, dass Übertragungslernen stattfindet
Beispielsweise ist ein Besuch einer einzigen Party ausreichend, um zu lernen, wie man sich auf einer Party verhält. Durch „Übertragungslernen“ wird die Verhaltensweise übernommen. Daher wissen selbst diejenigen, die neu sind, wie man sich in bestimmten Situationen verhält.[42] Ist einmal eine Verhaltensweise etabliert, wird diese vom Umfeld auch wahrgenommen.
Am einfachsten lassen sich Verhaltensweisen in Auseinandersetzungen kopieren und erlernen. Das Nacheifern von Freunden führt zu einer Angleichung beider und gleichzeitig zu einer Wettbewerbssituation. Die Dynamik, die durch Ausgrenzung oder das Übertreffenwollen entsteht, hält die Beziehungen in Bewegung.[43]
6 Neue und alte Definitionen von Netzwerk und Freundschaft
Es ist so einfach wie kompliziert, den Begriff Freundschaft zu umschreiben. Beinahe genauso alt wie die Beschäftigung mit der Philosophie ist die Frage nach der Definition von Freundschaft. Die Deutung des Begriffs unterliegt allen philosophischen Strömungen, sie passt sich dem Zeitgeist an. [44] An dieser Stelle sollen exemplarisch zwei Definitionen von Freundschaft erläutert werden, die sich über einen langen Zeitraum gehalten haben und immer wieder als Referenz oder Startpunkt für die Verortung des Begriffs herangezogen werden.
6.1 Der Freundschaftsbegriff nach Aristoteles
Die erste Definition stammt von Aristoteles aus der Nikomachischen Ethik. Aristoteles betrachtet darin die griechische Gesellschaft und die Beziehungen der Menschen zueinander. Er stellt dabei fest, dass sich Menschen in irgendeiner Weise nahe sind bzw. ein wie auch immer geartetes Verhältnis zueinander haben. Da man auch im Griechenland seiner Zeit in öffentliche Ämter gewählt wurde, war man auf Kontakte und Freundschaften angewiesen, wollte man an die Macht gelangen oder sie behalten. In einem ersten Schritt teilt Aristoteles die Freundschaften unter den Menschen in Freundschaften unter Gleichen und Freundschaften unter Ungleichen. Den weitaus größeren Teil der Beziehungen machen die Freundschaften unter Gleichen aus, denn diese verortet er in den Beziehungen der Bürger untereinander. Die Freundschaften unter Gleichen teilt er wiederum in drei Typen ein: die Nutzen-, Lust- und Tugendfreundschaft.
Abbildung 8: Logik der Freundschaften nach Aristoteles. Eigene Darstellung.
Die Nutzenfreundschaft bringt nach Aristoteles zwei Menschen einzig zu einem Zweck zusammen. Ist der Grund dieser Verbindung erloschen oder ziehen beide keinen Nutzen mehr aus der Verbindung, wird diese umgehend gelöst. Das könnte, in die heutige Zeit übertragen, ein geschäftliches Verhältnis zwischen einem Produzenten und einem Lieferanten sein. Ebenso wäre es als Engagement einer Bürgerbewegung denkbar, die sich auflöst, nachdem ihr Vorhaben Erfolg hatte.
Die Lustfreundschaft ist ähnlich veranlagt. Sie ist rein affektiv und beruht nur auf körperlicher oder intellektueller Anziehung. Lässt die Lust nach oder ergeben sich aus den gemeinsamen Gesprächen keine Neuerungen oder nichts Spannendes, droht der Verbindung die Auflösung. Eine solche Freundschaft kann man sich auch in heutiger Zeit gut vorstellen, man denke nur an eine Affäre während einer Partnerschaft.
Die Tugendfreundschaft ist für Aristoteles die einzige, die den Namen Freundschaft aus heutiger Sicht wirklich verdient hat. Haben zwei Menschen eine solche Verbindung, ist das ein Resultat ihrer gemeinsamen Tugend, ihrer Ähnlichkeit und ihrer gleichen Interessen. Diese Freundschaft ist Freundschaft um des Freundes Willen. Sie ist stabil und wird immer wieder erneuert und zur Gewohnheit. Das ist positiv gemeint, mit Gewohnheit meint Aristoteles die Teilhabe am Leben des Freundes.
Die Freundschaft unter Ungleichen ist das, was die moderne Soziologie eine asymmetrische Beziehung nennen würde. Sie besteht zwischen Familienmitgliedern unterschiedlicher Generationen oder zwischen dem Bürger und dem Staat. Sie ist dadurch geprägt, dass der Unterlegene immer eine größere Menge an Ehrerbietung bzw. Energie in die Beziehung einbringen muss. So muss zum Beispiel der Sohn dem Vater mehr Respekt zollen als andersherum und der Bürger investiert mehr in den Staat als er unmittelbar herausbekommt.
6.2 Der Freundschaftsbegriff nach Montaigne
Auch Michel de Montaigne hat eine Definition von Freundschaft erdacht, die bis heute Gültigkeit hat bzw. bis heute als Bezugsrahmen zur Verfügung steht. Sein Essay „Über die Freundschaft“ stellt Gedanken über die Freundschaft aus sehr privater Perspektive dar. Montaigne hatte in Etienne de la Boétie einen seiner Meinung nach außergewöhnlichen Freund. Er verglich seine Freundschaft zu diesem Mann mit anderen Freundschaften und kam zu dem Schluss, dass die beiden Männer etwas wahrhaft einmaliges verband. Deshalb teilt er die möglichen Arten der Freundschaft in zwei Typen ein, die gewöhnlichen und die außergewöhnlichen. Gewöhnliche Freundschaften zeichneten sich dadurch aus, dass sie nicht von Dauer seien und nur zu irgendeinem Zwecke bestünden. Die außergewöhnlichen Freundschaften hingegen spiegelten für ihn das Ideal von einer Seele in zwei Körpern wider. Damit reduziert er die Kategorien der aristotelischen Lehre und stellt beinahe alle freundschaftlichen Verbindungen zwischen Menschen auf eine Stufe.
6.3 Spannungsfelder im Freundschaftsbegriff
Der Freundschaftsbegriff lässt sich auf verschiedenen Achsen ansiedeln und definieren. In diesem Abschnitt sollen zwei davon untersucht werden, zum einen die Einordnung der Freundschaft zwischen Verpflichtung und Freiwilligkeit und zum anderen die Spannung zwischen Nutzen und Neigung. Diese Einteilung findet in Anlehnung an Heidrun Friese statt. [45]
Die Verortung einer Freundschaft auf der Achse zwischen Verpflichtung und Freiwilligkeit ist nicht einfach. Sie kann nicht gemacht werden, ohne eine weitere wichtige Komponente der Betrachtung hinzuzufügen: die zeitliche Dimension. Je länger eine Beziehung dauert, umso größer wird der Anteil an Freiwilligkeit in dieser. Das Spannungsfeld entsteht, als verschiedene Beziehungen eines Individuums miteinander konkurrieren, und zwar um die äußerst knappen Güter Aufmerksamkeit und Zeit. Den Großteil der Beziehungen eines Menschen machen die Beziehungen aus, die gewisse Verpflichtungen mit sich bringen. Das sind zum Beispiel die Ehe, das Verhältnis zum Arbeitgeber aber auch Freundschaften und Verwandtschaftsbeziehungen. Es wird zum Beispiel erwartet, dass man zum Geburtstag der Großmutter kommt, auch wenn man keine Zeit hat. Genauso wird erwartet, dass man zur Arbeit kommt, nachdem man einen Arbeitsvertrag unterschreiben hat. Eine Nicht-Nachkommen dieser Verpflichtungen wird in der Regel sanktioniert, wobei die Sanktionen sehr unterschiedlich aussehen können. Die eher seltenen Beziehungen sind jene, die man freiwillig eingeht. Friese führt dafür Beispiele wie Blutsbrüderschaften oder Patenschaften an. Sie legt auch Wert darauf, dass solche Beziehungen vor allem in archaischeren Kulturen als der unseren einen hohen Stellenwert haben. Diese Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass man sie freiwillig eingeht, obwohl man sich bewusst ist, dass sie Verpflichtungen mit sich bringen. Die Freiwilligkeit besteht darin, dass man auch die Wahl hätte, sie nicht einzugehen.
Die Einordnung von Beziehungen zwischen Nutzen und Neigung folgt im Groben dem weiter oben vorgestellten Schema von Aristoteles. „Diese Perspektive, die Unterscheidung unterschiedlicher Ordnungen stellt >wahrer< Freundschaft, in der Mitsein, Vertrauen, Intimität und das Teilen von Geheimnissen, Achtung, Gegenseitigkeit und Solidarität einen moralischen Raum abstecken, berechnende Zweckorientierung entgegen und betont entschieden diesen Aspekt.“[46] Über die Nutzenfreundschaft lässt sich im negativen Falle Macht erreichen. Dabei wird in asymmetrischer Weise ein Vorschuss an Vertrauen in Form einer Freundschaftsleistung gewährt, der nach einer bestimmten Zeit in anderer Form wieder zurückgegeben wird. So funktioniert es zum Beispiel in der Politik, wenn ein politischer Kandidat seine Netzwerke nutzt, um Einfluss zu bekommen. Die Gegenleistung sieht nach der erfolgreichen Wahl dann so aus, dass Wählerinteressen durch den gewählten Politiker vertreten werden. Im positiven Fall läuft das so. Der negative Fall ist der, wenn zwischen Geber und Nehmer eines Freundschaftsdienstes bereits eine asymmetrische Distanz besteht oder erst durch die Frage nach einem Gefallen eine Abhängigkeitsbeziehung entsteht. Besteht die Asymmetrie zuungunsten des Bittstellers, so spricht man von einer Patronagebeziehung. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass der Zeitraum zwischen Leistung und Gegenleistung bis in die Unendlichkeit ausgedehnt werden kann oder sogar über Generationen weitergegeben werden kann. Das System der italienischen Mafia funktioniert so. Es werden durch kleine Gefallen asymmetrische Abhängigkeitsbeziehungen geschaffen und die Handlungsmöglichkeiten des Untergeordneten Akteurs deutlich reduziert. An der Stelle wird auch wieder das Spannungsfeld zwischen Freiwilligkeit und Verpflichtung deutlich.
7 Praktische Umsetzung im Online Medium
Wie in der Einleitung angesprochen, besitzt das Freundschaftskonzept aus netzwerktheoretischer Perspektive auch in der Onlinekommunikation hohe Relevanz. Immer mehr Menschen in Deutschland verbringen immer mehr Zeit im Internet.[47] Dabei waren im Oktober 2010 in Deutschland bereits fast 13 Millionen Menschen[48] in das Freundschaftsnetzwerk von Facebook eingebunden.[49] Darin bilden sich Beziehungen und Freundschaften aus der realen Welt ab, und es entstehen darüber hinaus neue, rein virtuelle Freundschaften ohne persönlichen Kontakt. Sowohl in den sozialen Netzwerken, als auch bei den Suchmaschinen etabliert sich im Internet eine monopolartige Stellung eines einzelnen Anbieters. So wurden nahezu 90 Prozent alle Suchen aus Deutschland über den Marktführer Google[50] gestartet.[51] Sofern eine reale Bekanntschaft sich nicht ohnehin in Facebook abgebildet ist und dort gesucht wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass nach dieser Person mit Hilfe von Google gesucht wird, also sehr hoch.
Aufgrund dieser Entwicklungen soll im Folgenden ein Praxisbeispiel von Facebook und eines von Google näher unter besagten Aspekten beleuchtet werden.
7.1 Beispiel Facebook
7.1.1 Freundschaft
Die soziale Plattform Facebook bildet mehrere Beziehungsarten ab. Die wichtigste und am weitesten verbreitete ist die Beziehungsart „Freundschaft“. Jeder Nutzer kann beliebig viele andere Nutzer über eine Freundschaftsanfrage als Freund hinzufügen, wobei der Angefragte entscheidet, ob er die Anfrage annimmt oder nicht. Freundschaften können von beiden Seiten jederzeit aufgelöst werden, wahlweise mit oder ohne Benachrichtigung des Anderen. Eine Abwandlung dieser Beziehungsart stellt die Partnerschaft von genau zwei Personen in Facebook dar. Den einzigen Unterschied zwischen diesen Beziehungsarten bildet eine herausgehobene Darstellung auf der Benutzerseite, mit wem er in einer Beziehung steht. Sie ist durch eine Beziehungsbeschreibung wie beispielsweise „verlobt, verheiratet oder getrennt“ gekennzeichnet und setzt eine Freundschaft voraus. Eine dritte Beziehungsart wird unter dem Begriff Familie definiert, worunter der genaue Verwandtschaftsgrad definiert werden kann.
Abbildung 9: Facebook Beziehungsarten, Quelle: Screenshot Facebook
Über eine Facebook Freundschaft wird eine symmetrische Distanz nach dem Konzept von Leopold von Wiese geschaffen. Die Plattform markiert sie als miteinander verbunden. Sehr anschaulich bildet die Facebook Applikation „Social Graph“ das eigene Freundschaftsnetzwerk ab.[52] Interessant ist hierbei, dass die unterschiedlichen Verbindungslängen zwischen den Personen von der Verbindungsanzahl mit gleichen Freunden abhängig ist. So kommt es, dass sich Klumpen (Cluster) von zusammenhängenden Freundeskreisen bilden, wie beispielsweise Kommilitonen, alte Schulfreunde, Arbeitskollegen etc. Über die Beziehungsintensität oder die Beziehungsdistanz sagen sie dagegen nicht aus.[53]
7.1.2 Freunde Listen
Es gibt auf Facebook jedoch auch Möglichkeiten zur differenzierteren Definition von Freundschaften. Dies ist über das Hinzufügen von Freunden in eigene Listen möglich. Man kann einen seiner Kontakte beispielsweise in die frei wählbaren und selbst erstellten Listen „Beste Freunde“ und „Arbeitskollegen“ hinzufügen. Oder auch in die Liste „Freunde in Deutschland“ und „Freunde im Rest der Welt“. Benutzt man solche Listen, kann man für jede einzelne Aktion und jeden Post einzeln festlegen, welcher Freund diesen lesen kann.
Dieses Listenkonzept adressiert in hohem Maße die Dimensionen Zeitaufwand, Intimität sowie emotionale Intensität nach der weak and strong Ties Theorie von Mark Granovetter. Der Nutzer bestimmt, wie häufig, wie intensiv und mit welchen intimen Informationen er sich für einzelne Freundeslisten öffnet.
7.1.3 Mögen
Eine einseitige (asymmetrische) und lose Beziehung kann in Facebook über das sogenannte Mögen hergestellt werden (engl. „like“). Dabei kann ein Nutzer sämtliche Posts und Aktionen von seinen Freunden über den „gefällt mir“ Button mögen, was wiederum im eigenen Profil angezeigt wird. Zusätzliche können auch Organisationsseiten, Interessen und Unternehmensseiten (Fanpages) auf Facebook gemocht werden, die keine natürliche Person, sondern Organisationen und Institutionen verkörpern. Inzwischen geht Facebook sogar soweit, dass jeder eindeutig identifizierbare Inhalt im Internet gemocht werden kann.[54] Da diese abstrakte Beziehung jedoch nicht direkt zwischen Personen entsteht, sondern zwischen Personen und Institutionen, soll sie nicht im klassischen Freundschaftskonzept bewertet werden.
Ungeachtet dessen kann man hier durchaus mit ähnlichen Beziehungsattributen (Werte- und Statushomophilie) nach Lazarsfeld und Merton argumentieren. So zeigt sich beispielsweise, dass Institutionen und Internetinhalte durchaus eher von Freunden mit ähnlicher Interessenlage, Werten und Statusvorstellungen gemocht wird. Personen, die um ihre Überschneidungen in diesen Bereichen mit einzelnen Freunden wissen, stoßen auf deren Profilseite und gemochten Seiten häufig auf Inhalte, die auch ihnen gefallen. Somit sind die Profilseiten von diesen ähnlich bzw. gleich orientierten Freunden eher interessant und frequentiert, als von Freunden mit andersartigen Interessen.
7.1.4 Hauptmeldungen und Neuste Meldungen
Das Kernelement von Facebook ist zugleich die wichtigste Abbildung von Freundschaftsbeziehungen und eines der größten Mysterien: Die Neuigkeiten Seite, die als Startseite sofort nach dem Einloggen bei Facebook erscheint. Hier stellt sich die Frage, welche Neuigkeiten der Nutzer von welchen Freunden auf seiner Startseite angezeigt bekommt und welche nicht.[55] Es gibt die beiden Einstellungsmöglichkeiten „Neuste Meldungen“ und „Hauptmeldungen“. Zweifelsohne werden bei der Einstellung Neuste Meldungen sämtliche Neuigkeiten wie beispielsweise likes, Freundschaften und Posts aus seinem gesamten Netzwerk ungefiltert angezeigt. Dies sind in der Regel mehrere Hundert pro Tag und gestaltet sich dementsprechend unübersichtlich. Man kann sich also über die Einstellung Hauptmeldungen auf die vermeintlich wichtigsten Meldungen beschränken. Doch welche Instanz bestimmt aus netzwerktheoretischer Perspektive welche Freunde und welche Meldungen individuell am wichtigsten sind? Wie werden die Hauptmeldungen zusammengestellt?
Der komplexe Facebook Algorithmus für die Berechnung der Hauptmeldungen ist geheim und wird ständig aktualisiert. Er besteht aus einer Vielzahl unterschiedlich gewichteter Faktoren und versucht, die Masse der Meldungen auf ein überschaubares Maß zu reduzieren. Fest steht lediglich, dass Facebook über gewaltige Datenmengen, sowohl über die einzelnen Nutzer als auch über deren Interaktion, verfügt. Dazu gehören unter anderem Informationen über:
- Die Interaktionshäufigkeit zwischen zwei Nutzern (Views, Post, Nachrichten, Chats, likes, Einladungen uvm.)
- Die gleichen Interessen von zwei Nutzern (Hobbys, Fanpages, Applikationen, Freundeskreis, Gruppen)
Eventuell wertet Facebook sogar den Inhalt der Aktionen semantisch aus, um weitere Informationen über Interessen und Themen zu erlangen. Dies ist technisch problemlos möglich, jedoch Spekulation.[56] Zur Beschreibung der Meldungsauswahl können theoretisch egozentrierte Netzwerkverbindungen nach Claude Fischer angeführt werden. In diesem Fall würde Facebook einstufen, welche Interaktionen in besonderem Maße für eine zwischenmenschlich enge Beziehung stehen und ausschlaggebend sind, dass sie über entsprechende Hauptmeldungen angezeigt werden.
7.2 Beispiel Google
Auch der Suchmaschinenbetreiber und Online Werbevermarkter Google hat die Vision eines Freundesnetzwerkes.[57] Dieses soll nicht nur eine einzige Soziale Plattform umspannen, sondern das gesamte Internet. In 2008 startete Google dazu eine offene Technologie: Die Social Graph API.[58] API steht für application programming interface und beschreibt eine simple Programmierschnittstelle. Sie erweitert Links um Informationen über die Beziehung der beiden verlinkten Seiten. Ein Link kann beispielsweise eine Freundschaft anzeigen oder aber kennzeichnen, dass beide Seiten zu einer Person gehören. Die API kann über die Beschreibungen XFN (XHTML Friends Network) und FOAF (Friend of a Friend project) insgesamt 22 Beziehungsarten unterscheiden.[59] Beispielweise Arbeitskollege, Nachbar, Familie oder auch „sweetheart“.[60]
Ziel ist es dabei, sämtliche personenbezogenen Inhalte des Internets wie beispielsweise Profile, Blogs oder Accounts maschinenlesbar zu personalisieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Es ist der bis heute wahrscheinlich größte Versuch, reale Freundschaftsbeziehungen zwischen Menschen in Form eines Social Graph im Internet (technisch) abzubilden.
Bei diesem Konzept können Ähnlichkeiten mit Christian Stegbauers Unterschieden zwischen „engen“ Beziehungen gesehen werden, der ebenfalls grundsätzliche Beziehungsarten unterscheidet.
7.3 Fazit der Beispiele
Die beiden höchst unterschiedlichen Beispiele eignen sich, um die zu Beginn dargestellten theoretischen Ansätze zu überprüfen und anzuwenden: Die hohe Komplexität echter zwischenmenschlicher Beziehungen ist in diesen Beispielen durch Technische Grenzen deutlich eingeschränkt. Dennoch versuchen Unternehmen aktuell, reale Freundschaftsbeziehungen im Internet abzubilden und möglichst realitätsnah zu kopieren. Sämtliche vorgestellte Theorieansätze haben bis heute Bedeutung, auch wenn sie alleine stehend als unzureichend kritisiert wurden. Sie bieten Hilfe und eine Gesprächsgrundlage auch bei aktuellen Diskussionen zu Social Networks.
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2 Theoretische Ansätze
Quellen
Literatur
- Friese, Heidrun (2010): Freundschaft: Leerstellen und Spannungen eines Begriffs. In: Binczek, Natalie; Stanitzek, Georg: Strong Ties / Weak Ties. Freundschaftssemantik und Netzwerktheorie. Heidelberg, Universitätsverlag Winter.
- Granovetter, Mark (1973): The Strength of Weak Ties. In: American Journal of Sociology 78(6). S.1360-1380.
- Granovetter, Mark (1974): Getting a Job: A Study of Contacts and Careers. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts.
- Granovetter, Mark (1983): The Strength of Weak Ties: A Network Theory Revisited. In: Sociological Theory; Volume 1. S.201-233.
- Harary, F.; Norman, R.; Cartwright, D. (1963): Structural Models. New York, Wiley.
- Janning, Frank; Toens, Katrin (2007): Die Zukunft der Policy-Forschung: Theorien, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden, VS Verlag.
- Jansen, Dorothea (2006): Einführung in die Netzwerkanalyse: Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. Wiesbaden, VS Verlag.
- Preisendörfer, Peter (2008): Organisationssoziologie, Grundlagen, Theorien und Problemstellungen, 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
- Stegbauer, Christian (2001): Grenzen virtueller Gemeinschaft. Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen. Wiesbaden, VS Verlag.
- Stegbauer, Christian; Rausch, Alexander (2006): Strukturalistische Internetforschung. Wiesbaden, VS Verlag.
- Stegbauer, Christian (2008): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie: Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
- Stegbauer, Christian (2010): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie: Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden, VS Verlag.
- Steinbach, Anja (2004): Soziale Distanz: ethnische Grenzziehung und die Eingliederung von Zuwanderern in Deutschland, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
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- Terpe, Sylvia; Steiner, Christine (2005): Netzwerkstruktur und Informationsgehalt: Wann werden Beziehungen zur Ressource? Vortrag auf der Tagung „Soziale Netzwerke und Soziales Kapital“, Bielefeld.
Internet
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[1] Vgl. Stegbauer (2008).
[2] Preisendörfer (2008), S. 114.
[3] Vgl. welt.de (2010).
[4] Vgl. mcschindler.com, für einen von zahlreichen Diskussionsansätzen von aktueller Bedeutung.
[5] Steinbach (2004), S. 27.
[6] Stegbauer (2008), S. 107.
[7] Vgl. Stegbauer (2008), S. 109.
[8] Vgl. ebenda, S. 296f.
[9] Vgl. ebenda, S. 111.
[10] Vgl. Stegbauer (2008), S. 113f.
[11] Vgl. Granovetter, Mark (1974).
[12] Abbildung aus: Granovetter (1973), S. 1363.
[13] Vgl. Harary (1963).
[14] In Granovetter (1983) nimmt er selbst eine Rückschau auf die Literatur vor, die als Reaktion auf seine Theorie der strong und weak ties und seine Studie „Getting a Job“ entstanden ist.
[15] Terpe/Steiner (2005), S. 3.
[16] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 111.
[17] Vgl. ebenda, S. 111f.
[18] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 112.
[19] Vgl. ebenda.
[20] Vgl. ebenda.
[21] Vgl. ebenda.
[22] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 113.
[23] Vgl. ebenda.
[24] Vgl. ebenda.
[25] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 114.
[26] Vgl. Jansen, Dorothea (2006), S. 66.
[27] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 114.
[28] Vgl. Janning, Frank; Toens, Katrin (2007), S. 232.
[29] Vgl. Stegbauer, Christian (2001), S. 212.
[30] Vgl. Jansen, Dorothea (2006), S.216.
[31] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 114.
[32] Vgl. Jansen, Dorothea (2006), S.214ff.
[33] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 115.
[34] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 115.
[35] Vgl. ebenda.
[36] Vgl. ebenda.
[37] Vgl. ebenda, S. 116.
[38] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 116.
[39] Vgl. ebenda.
[40] Vgl. ebenda.
[41] Vgl. ebenda.
[42] Vgl. Stegbauer, Christian; Rausch, Alexander (2006), S. 16.
[43] Vgl. Stegbauer, Christian (2010), S. 117.
[44] Einen ersten Überblick über den Bedeutungswandel des Begriffs bietet die Website: http://de.wikipedia.org/wiki/Freundschaft.
[45] Vgl. Friese (2010).
[46] Friese (2010), S. 30.
[47] Vgl. projecter.de (2010).
[48] Facebook ist eine Website zur Bildung und Unterhaltung sozialer Netzwerke, die der US-amerikanischen Firma Facebook Inc. gehört. Am 21. Juli 2010 hatte die Plattform nach eigenen Angaben 500 Millionen aktive Nutzer und ist damit die größte weltweit.
[49] Vgl. wikipedia.org facebook (2010).
[50] Google ist eine Suchmaschine des US-Unternehmens Google Inc. Übereinstimmende Statistiken zeigen mit Marktanteilen von mehr als 80 Prozent aller weltweiten Suchanfragen Google als Marktführer unter den Internet-Suchmaschinen. Außerdem ist Google inzwischen die weltweit wertvollste Marke.
[51] Vgl. webhits.de (2010).
[52] Vgl. facebook.com (2010).
[53] Eine entsprechende Grafik befindet sich im Anhang.
[54] Identifiziert und adressiert werden Inhalte im Internet über den Uniform Resource Locator (URL, dt. „einheitlicher Quellenanzeiger“), vgl. wikipedia.org url (2010).
[55] Einer von vielen Artikeln zu dieser Frage vgl. elexpress.de (2010).
[56] Beispielsweise wertet Google seit vielen Jahren erfolgreich den Mailinhalt von über gmail verfassten E-Mails aus, um darin passende Werbung für den Empfänger zu platzieren. Die Auswertung erfolgt maschinell und ohne das Mitlesen durch Mitarbeiter. Vgl. computerwoche.de (2010).
[57] Zu diesem Thema hat Andreas Köster einen Artikel online veröffentlicht, vgl. wirtschaftskommunikation-studium.de (2010).
[58] Vgl. techcrunch.com (2010).
[59] Vgl. gmpg.org (2010), vgl. foaf-project.org (2010).
[60] Die anderen Beziehungsarten können hier nachgelesen werden, vgl. code.google.com (2010). Außerdem befindet sich eine Übersicht im Anhang.









